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10-jähriges Jubiläum der argentinischen Theologinnenvereinigung Teologanda

Teologanda wird im September einen besonderen Geburtstag feiern, ein Anlass auch für AGENDA, für uns deutsche Theologinnen, auf diese 10 Jahre zurückzublicken. Stolz sind wir, dass wir in der Entstehungsgeschichte von Teologanda auch unseren Platz haben und auf gemeinsame Wege zurückblicken können, die sich immer wieder gekreuzt haben, hier in Deutschland, oder bei Euch in Lateinamerika. Ein ganz herzlicher Glückwunsch! Ein gutes Fest wünsche ich Euch allen, in meinem Namen, aber auch im Namen des Vorstandes von AGENDA. Die Kolleginnen freuen sich mit Euch!

Die 10 Jahre von Teologanda dürfen Anlass sein für einen kurzen Blick auf unseren Platz in der Geschichte von Teologanda: Erlaubt bitte, dass ich zunächst einige persönliche Anmerkungen einspiele, denn ohne meine eigenen Aufbrüche nach Lateinamerika hätte ich die Brücke zwischen uns deutschen Theologinnen und lateinamerikanischen Theologinnen nicht bauen können. Ich hatte die Chance, nach Abschluss meiner Dissertation in Dogmatik an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen drei Semester als Gastprofessorin an der theologischen Fakultät der PUC Santiago de Chile zu arbeiten. Bereits zu Anfang des Aufenthaltes in Santiago, im August 1993, wurde ich eingeladen, an einer feministisch-theologischen Reflexionsgruppe am Centro ecuménico Diego de Medellín teilzunehmen; neben der bereits verstorbenen chilenischen Theologin Inés Pérez, die viele Wege für Frauen an der Fakultät in Santiago eröffnet und eine feministisch-theologische Bibliothek aufgebaut hat, habe ich u.a. Sandra Robles kennengelernt, die heute in Talca lebt und Teologanda verbunden ist. In dieser Arbeitsgruppe wurden Texte lateinamerikanischer Theologinnen wie Ivone Gebara oder María Pilar Aquino gelesen und diskutiert, für mich eine wichtige, auch existentielle Einführung in die feministische Befreiungstheologie. Zurück in Deutschland wurde neben meinen Arbeiten an der Habilitation und ehrenamtlichen Aufgaben im Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland als Assistentin von Peter Hünermann die Vermittlung feministischer Befreiungstheologie in Deutschland und der Aufbau von Vernetzungen von deutschen und lateinamerikanischen Theologinnen für mich von Bedeutung. Auf den Seminaren des Stipendienwerkes in ochabamba/Bolivien (1997) und Mexiko-Stadt (2001) hatte ich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe von Theologinnen, Philosophinnen, Sozialwissenschaftlerinnen und Pädagoginnen gebildet, zu der ich von Anfang an Virginia Azcuy eingeladen habe und aus der einige Jahre später dann auch das Programa de promoción científica de mujeres im Rahmen der Stipendienarbeit von ICALA hervorgegangen ist.

Über Fördermittel des Stipendienwerkes ist es mir gelungen, bereits seit 1999 lateinamerikanische Theologinnen zum Hohenheimer Theologinnentreffen einzuladen, aus Buenos Aires haben Virginia Azcuy und später auch Marcela Mazzini, Connie Levaggi, Nancy Raimondo und Paula Carman teilgenommen. In genau dieser Zeit war Andreas Lienkamp, damaliger theologischer Referent an der Katholischen Akademie Die Wolfsburg (Bistum Essen), heute mein Kollege im Institut für katholische Theologie der Universität Osnabrück, an AGENDA herangetreten mit der Anfrage nach einer möglichen deutschlateinamerikanischen Begegnung von Theologinnen, die in Kooperation mit der Bischöflichen Aktion ADVENIAT an der Wolfsburg durchgeführt werden sollte. Die damalige Vorsitzende von AGENDA, Marianne Heimbach-Steins, hat mich sofort gebeten, dieses neue Projekt in die Hand zu nehmen, und nach verschiedenen Vorbereitungstreffen mit Kolleginnen der Wolfsburg, von ADVENIAT und AGENDA haben wir dann im November 2002 einen ersten Studientag deutscher und lateinamerikanischer Theologinnen an der Wolfsburg durchführen können. Es war, auch auf Wunsch von ADVENIAT hin, eine Begegnung von deutschen und lateinamerikanischen Theologinnen, die in unterschiedlichen Praxisfeldern – der Wissenschaft, der Pastoral, der Bildungsarbeit, der Katechese usw. – tätig sind. Als Thema hatten wir gewählt: „Grenzen durchbrechen – andere wahrnehmen“.

Im Hintergrund der Themenwahl stand für uns die Erfahrung, die die meisten Frauen vor uns, unsere Müttergeneration, die großen Vorkämpferinnen der Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft gemacht haben: „am Rande“ der Zentren zu stehen, an denen Entscheidungen getroffen werden, als „Andere“, als „Fremde“ wahrgenommen zu werden, sei es in der Gesellschaft, sei es in der Kirche, eine Erfahrung, die in Deutschland oder in Lateinamerika ähnlich ist, sicher andere kulturellen Prägungen erfahren hat, aber auf Grenzen zu stoßen, gestoßen zu werden, sich an ihnen zu reiben, an ihnen zu leiden, ist eine gemeinsame Erfahrung. Aber gemeinsam ist uns auch die Erfahrung, daß dort, am Rande, jenseits der Grenze, der Geist Gottes wirkt, gemeinsam ist die Überzeugung, von dort her in die Pflicht genommen zu sein, an der Kirche Gottes zu bauen und an einer wirklich menschengerechten, nicht ab- und ausschließenden Gesellschaft. Aus dieser, in der Tiefe spirituellen, an der Gottes-Passion geschulten Grenz-Erfahrung kommt Frauen eine besondere „Interpretationsmacht“ im Blick auf die „Zeichen der Zeit“ zu. In ganz besonderer Sensibilität haben Frauen die „Zeichen der Zeit“ – der „Zeit Gottes“ - interpretiert. Die Lebensgeschichten von Frauen aus den beiden Testamenten wie Esther, Judith, Hanna, Maria, von vielen ungenannten Frauen wie der Frau am Jakobsbrunnen, der kanaanäischen Frau, einer Hildegard, Katharina, Theresa von Avila oder Madeleine Delbrêl zeigen, daß es in ihrem Tun genau um die zeitgemäße – nicht modische, sondern die angesagte – Ansage der Zeit geht, der Zeit Gottes und der Zeit des Menschen. Sie waren und sind besondere „Seismographen“ für die Veränderungsprozesse in unserer Kultur, das heißt, sie haben Grenzen wahrgenommen, sie durchbrochen, neue Horizonte erschlossen. Darum haben wir beim zweiten Studientag deutscher und lateinamerikanischer Theologinnen, den wir bereits zwei Jahre später wieder in Zusammenarbeit von AGENDA, ADVENIAT, dem Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland und der Wolfsburg durchführen konnten, den Schwerpunkt auf die Frage nach „Lebensgeschichten – Glaubensgeschichten“ gesetzt. Teilgenommen hatten am zweiten Studientag vier Teologanda-Frauen, Virginia Azcuy, Constanza Levaggi, Marcela Mazzini und Nancy Raimondo.

Genau zwischen diese beiden Studientage ist im Jahr 2003 die Gründung von Teologanda gefallen – damals noch ohne diesen Namen, in meinen Aufzeichnungen habe ich das Kürzel „Lahteo“ gefunden, so hatte Virginia Azcuy das Programm der argentinischen Theologinnenvereinigung beim 2. Studientag im November 2004 vorgestellt. Das Programm hat die Arbeit an einem Wörterbuch der Autorinnen, mit Rezensionen und Kritiken ihrer wichtigsten Werke beinhaltet, einzelne Studien zu verschiedenen Pionierinnen der Theologinnen Lateinamerikas, der Karibik und der Vereinigten Staaten, eine Anthologie mit Texten der herausragendsten Autorinnen auf dem Feld der Philosophie, Geschichte, Psychologie und Literaturwissenschaft. Die Teologanda-Frauen haben mich zur wissenschaftlichen Beraterin der Publikationen gewählt, und es ist beeindruckend zu sehen, wie konsequent gearbeitet wurde und wie fruchtbar die Arbeit gewesen ist (und ist). Mittlerweile liegen drei Bände vor, ein vierter Band ist in Arbeit, bei dem von deutscher Seite Annegret Langenhorst mitarbeitet. 2005 und 2010 war ich zu Vorträgen auf Teologanda-Seminaren in Buenos Aires eingeladen und konnte die wissenschaftliche Arbeit, die Kreativität und das Wachsen von Teologanda begleiten, dafür bin ich sehr dankbar.

Ein großer Meilenstein unserer Zusammenarbeit war der 1. deutsch-lateinamerikanische Theologinnenkongress, den wir nach ersten gemeinsamen Überlegungen bei meinem Besuch in Buenos Aires im August 2005 und einem gemeinsamen Workshop von AGENDA, Teologanda und ADVENIAT im April 2007 an der Katholischen Akademie Die Wolfsburg vom 25. bis 28. April 2008 an der Jesuitenuniversität San Miguel/Buenos Aires durchführen konnten. Der Kongress in Buenos Aires hatte den gemeinsamen Weg der letzten Jahre unter dem Titel „Biographien – Institutionen – Citizenship“ gebündelt. Auf dem Kongress kamen über 300 Theologinnen und Theologen (ca. 1/10 davon Theologen) aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, der Dominikanischen Republik, El Salvador, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru, Puerto Rico und Uruguay, aber auch den USA, Spanien und Deutschland zusammen. Das Thema der „citizenship“ wurde bewußt gewählt; es ist in den letzten Jahren in Lateinamerika zu einem wichtigen Leitmotiv gerade im Blick auf die vielschichtige Erinnerung an das „Bicentenario de la Independencia“ (200 Jahre Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Länder von Spanien) geworden. Aus Frauenperspektive ist „citizenship“ kein einfaches Thema, es geht um Fragen der Zugehörigkeit und Partizipation, der schwierigen Verhältnisbestimmung von Menschenrechten und Frauenrechten, um neue ekklesiologische Impulse und Wege zu einer „öffentlichen Theologie“ von Frauen. Das wurde u.a. in den Podiumsbeiträgen der beteiligten deutschen Theologinnen deutlich (Margit Eckholt, Hille Haker, Marianne Heimbach-Steins, Marie-Theres Wacker, Hedwig Meyer-Wilmes; veröffentlicht in Stromata 64 (2008)).

Vor zwei Jahren hatte AGENDA auch ein Jubiläum gefeiert, zum 10. Mal wurde das Hohenheimer Theologinnentreffen durchgeführt. Zu dieser Tagung, die wir unter das Thema „Aggiornamento heute: Diversität als Horizont einer Theologie der Welt“ gestellt hatten, haben wir lateinamerikanische Kolleginnen eingeladen, Virginia Azcuy hat Teologanda vertreten, weitere, Teologanda verbundene Frauen wie Nancy Bedford und Angélica Otazú, haben an der Tagung teilgenommen. Im Anschluss an das Theologinnentreffen hat eine kleine Gruppe über die Vorbereitung eines 2. deutsch-lateinamerikanischen Theologinnenkongresses beraten; zusammen mit Virginia Azcuy haben wir bei einem Workshop Ende Oktober 2011 in Münster weitere Überlegungen angestellt; eine erweiterte Vorstandssitzung von AGENDA im März 2012 – Annegret Langenhorst und Vera Krause, Vertreterin von ADVENIAT, waren dazu eingeladen – hat Überlegungen zu einer Themenfokussierung angestellt. Anfang März diesen Jahres hat im Anschluss an den Abschlusskongress des Forschungsprojektes zur „Pastoral urbana“ eine kleine Gruppe in Mexiko-Stadt weiter beraten. Von Teologanda haben Virginia Azcuy, Carolina Bacher, Diana Viñoles und Marta Palacio teilgenommen. Als Thema haben wir vorgeschlagen: „Espacios de paz“ – El Vaticano II y los signos del tiempo“, als Zeitrahmen für den nächsten Theologinnenkongress: Mitte März 2015. Wir hoffen, dass wir einen guten gemeinsamen Weg der Vorbereitung.

AGENDA hat auf der letzten Mitgliederversammlung in Stuttgart-Hohenheim am 7. – 9. Juni 2013 einen neuen Vorstand gewählt. Saskia Wendel, die ausgeschiedene erste Vorsitzende der letzten vier Jahre hat die Zusammenarbeit mit Teologanda als wichtige Aufgabe von AGENDA betont; Hildegard König und Barbara Janz-Spaeth, die beiden neuen Vorsitzenden von AGENDA, unterstützen die weitere Vernetzung. AGENDA sieht es als wichtige Aufgabe auch für die Zukunft an, die Kooperation mit Teologanda weiter voranzutreiben. Der wichtige nächste Schritt ist der 2. deutsch-lateinamerikanische Theologinnenkongress. Bitten wir Gottes Weisheit um ihre Stärkung und Begleitung bei den nächsten Schritten der Vorbereitung und dass wir uns im März 2015 in Buenos Aires wiedersehen werden.

Ich möchte schließen und das Gedicht zitieren, das Virginia Azcuy 2004 bei der Vorstellung der Arbeit von Teologanda beim 2. Studientag in der Wolfsburg zitiert hat:

„Der Weg setzt sich fort, er setzt sich fort von der Tür aus.
Der Weg ist sehr weit gewesen,
und wenn es möglich ist, sollen wir ihm folgen,
dabei erkennen wir ihn mit entschiedenen Schritten,
bis wir auf einen breiteren Weg stoßen,
wo sich kleine Wege und Pfade finden.
Und wohin werden wir dort gehen? Wir können es nicht sagen...“

(Adaptation des Gedichtes von Bilbo aus dem „Herrn der Ringe“, von J.R.R. Tolkien)


Nochmals: Herzlichen Glückwunsch!

Eure
Margit Eckholt
Prof. Dr. Margit Eckholt
Beauftragte von AGENDA für die Kooperation mit Teologanda

Osnabrück, den 18. August 2013

Buenos Aires, Seminario compacto de Teologanda, 2005

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