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Tagungsbericht zum 12. Hohenheimer Theologinnentreffen, 12.-14. Juni 2015 in der Katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Von Orten und Räumen
Tagungsbericht zum 12. Hohenheimer Theologinnentreffen, 12.-14. Juni 2015 in der Katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Raum ist keine Konstante. Er verändert sich, wird von uns verändert und verändert uns. Unter dem Schlagwort des spatial turn hält das Raum-Phänomen eine ganze Palette wissenschaftlicher Disziplinen weltweit beschäftigt: die Geographie, Architektur und Kunst, aber auch die Soziologie, Geschichte, Philosophie und nicht zuletzt die Theologie. Grund genug, sich auch als Theologinnen dieses Diskurses anzunehmen. Unter der Tagungsleitung von Prof. Dr. Angela Kaupp, Dr. Andrea Spans, Barbara Janz-Spaeth und Dr. Verena Wodtke-Werner, in Zusammenarbeit mit der argentinischen Theologinnen-Vereinigung Teologanda unter Leitung von Prof. Dr. Virginia R. Azcuy sowie in der Kooperation mit Prof. Dr. Margit Eckholt und der AGENDA-Vorsitzenden Prof. Dr. Hildegard König fand das 12. Hohenheimer Theologinnentreffen vom 12. bis 14. Juni 2015 in der Katholischen Akademie des Bistums Rottenburg-Stuttgart statt. Mehr als 60 Theologinnen aus Deutschland und Argentinien kamen zu der Tagung „Raumdesign. Raumkonzepte im theologischen Diskurs. Interdisziplinäre und interkulturelle Zugänge“ zusammen, die auch vom Katholischen Frauenbund, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland und der Stuttgarter Ikebana-Schule e.V. finanziell unterstützt wurde. Ein Austausch der Kulturen stand dabei ebenso im Zentrum wie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. So war der Tagung das Angebot eines dreistündigen Coachings durch Andrea Qualbrink und Patrick Schoden (Münster) vorgeschaltet: Junge AGENDA-Mitgliederkonnten darin Strategien entwickeln, um für sich als Theologinnen Karriereperspektiven in Kirche, Wissenschaft und Gesellschaft auszuloten.

Mit einer inhaltlich auf das Tagungsthema einstimmenden Begrüßung durch die Erste Vorsitzende von AGENDA, Prof. Dr. Hildegard König (Dresden) begann am Freitagnachmittag der offizielle Teil der Tagung. In einer ersten soziometrischen Kennenlernübung konnten die Teilnehmerinnen dem Tagungsraum nachspüren und sich in Relation zum Tagungsthema, zum beruflichen Hintergrund oder auch zu AGENDA verorten. An dieses „Meet and Greet“ anschließend bot die Künstlerin Gabi Erne (Marburg) mit ihrer Rauminstallation eine performative Einstimmung aufs Tagungsthema zum Anfassen und Mitmachen: So wurden imaginäre und buchstäbliche Leitern erklommen, es wurde über konkrete Zwischenräume diskutiert und über symbolische – etwa zwischen Himmel und Erde – in einem tanzenden Gebet meditiert. Dieser Zwischenraum fand auch in den Ikebana-Gestecken ihren Ausdruck, welche in einem Rundgang durch die Räume der Akademie an den verschiedensten Stellen entdeckt werden konnten. Als japanische Kunst des Blumenarrangierens – so konnte in der Vorführung der Ikebana-Meisterinnen Hilde Weichel und Carina Fleischer von der Stuttgarter Ikebana Schule e.V. gelernt werden – will Ikebana die kosmische Ordnung von Himmel, Mensch und Erde in eine räumliche Gestalt mit wirksamer Präsenz bringen. Nach einem bereits gesprächsintensiven Abendessen begann sodann die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kategorie Raum anhand einer Einführung durch Prof. Dr. König sowie Tagungsleiterin Prof. Dr. Angela Kaupp (Koblenz-Landau). Zwei Vorträge, die öffentlich angelegt und mit einigen weiteren GasthörerInnen gut besucht waren, bildeten den inhaltlichen Schwerpunkt des Abends:

Zunächst bot Prof.Dr. Virginia R. Azcuy (Buenos Aires), Leiterin der argentinischen Theologinnenvereinigung Teologanda, in ihrem Vortrag zu Raum: Perspektiven einer teología urbana einen Einblick in die praktische Relevanz der Raumdebatte und führte in die Ausprägung einer kontextuellen Theologie in Argentinien ein. Der Beschreibung einer Charakteristik von Megastädten wie Buenos Aires (hohe Arbeitslosigkeit, Marginalisierung, Zerfall von Infrastrukturen etc.) folgte die Einteilung der Stadt in vier Bereiche, die für die theologische Bearbeitung des Raumbegriffs zu erforschen sind: öffentliche Räume, prekäre Gebiete, spirituelle Zentren und Bürgerbewegungen. Diese konnte Azcuy im Anschluss an Evangelii Gaudium als Observatorien für die Zeichen der Zeit profilieren und anhand eines konkreten, vom damaligen Kardinal von Buenos Aires, Mario Jose Bergoglio initiierten Projekt-Beispiels eindrücklich verdeutlichen, warum Theologie sich im wahrsten Sinne des Wortes wieder mehr auf die Straße begeben muss.
Im Anschluss bot Prof. Dr. Susanne Rau (Erfurt) in ihrem Vortrag Raum: Theorien und Konzepte – eine Annäherung einen interdisziplinären Überblick über den aktuellen Raumdiskurs. Ausgehend von der Mehrdeutigkeit des spatial turn erörterte sie die positiven Auswirkungen des Diskurses auf die Geographie als klassische Raumdisziplin, aber auch auf Geschichtswissenschaft und Theologie. Dabei machte sie deutlich, dass eine genaue Begriffsarbeit unabdingbar und ein geeignetes Instrument für eine Wissenschaft ist, die beansprucht, Gesellschaft zu analysieren und somit Welt und Mensch zu verstehen – aber auch dass eben diese Arbeit mit dem Begriff „Raum“ aufgrund seiner Vieldeutigkeit eine besondere Herausforderung darstellt. Dies gilt umso mehr, wenn die theologische Reflexionzusätzlich transzendente und jenseitige Räume einbezieht.
Mit einem kreativ-spirituellen Impuls, wiederum angeleitet von Gabi Erne, hatten die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, den ersten Tag Revue passieren zu lassen.

Der zweite Tagungstag war mit einem Morgenimpuls von Monika Altenbeck und einer von Maria Theresia Zeidler und Brigitte Vielhaus gestalteten abendlichen Wort-Gottes-Feier liturgisch eingerahmt; auch diese spirituellen Angebote waren inspiriert vom und boten Inspirationen zum Thema Raum. Prof. Dr. Ilse Müllner (Kassel) führte mit ihrem Vortrag Räume – Körper – Heiligkeit in die Dynamiken von Raum und Geschlecht aus exegetischer Sicht ein. Ausgehend von der für den Glauben Israels konstitutiven triangulären Verbindung zwischen Gott, Volk und Land profilierte sie die alttestamentliche Geschichte als eine Geschichte des Raumnehmens des Heiligen im Prozess: im raumschaffenden Erwählungshandeln vom Tohuwabohu zur Ordnung, im Exodus aus der Sklaverei in die Freiheit oder in der Reise der Bundeslade zum heiligen Ort als dem „right place“ (vgl. Jonathan Smith). Geschlecht werde dabei einerseits vom Raum generiert, insofern bspw. die Weisungen im Umgang mit dem heiligen Ort des Tempels vom Geschlecht abhängig gemacht werden; zugleich stelle vergeschlechtlichtes Verhalten andererseits auch Raum her, da insbesondere nach der Zerstörung des Tempels geschlechtsspezifisches Verhalten das (ebenfalls geschlechtsspezifische) kultische Handeln substituiere. So ersetze das Sprechen über kultische Gesetze (Talmud) das tatsächliche Opfer, das Schreiben von Genealogien das Sein im Land und das Lesen von Bauplänen den Tempel. Auf diese Weise werde der Tempel vom verlorenen Heiligtum zu einem imaginierten Raum, dessen Verlust durch die literarische Kraft der Schrift bewältigt werden kann.

Eine ethisch motivierte Annäherung an den Raumdiskurs gab Katharina König (Erfurt) mit ihrer Replik Handeln im Raum: eine neue Perspektive für die ethische Theologie. Zunächst benannte König die räumlichen Implikationen des Ethik-Begriffs (τό ἦθος als Standort, gewohnter Sitz oder auch Heimat), um dann auf die raum-zeitliche Bedingtheit von Gerechtigkeit aufmerksam zu machen, die an Orten konkret wird, aber die räumlich nationalen Grenzen transzendiert und auf relationale Räume verwiesen ist. Dass insbesondere in der globalisierten Moderne als Zeit der räumlichen Entgrenzung und zeitlichen Beschleunigung (vgl. Hans-Joachim Höhn) die Kategorien von Nähe und Distanz hilfreiche Anknüpfungspunkte sein könnten, explizierte sie am Beispiel der Nächstenliebe als Apriori einer theologischen Ethik.Das Gebot bedürfe unter Berücksichtigung der Raumdiskurse einer Neudefinierung,wenn der Nächste als Empfänger meines Wohltuens mehrere tausend Kilometer entfernt und medial dennoch präsent sein kann.
Der anschließende fundamentaltheologische Vortrag von Prof. Dr. Margit Eckholt (Osnabrück) konkretisierte die formulierte Herausforderung an die Theologie unter dem Titel „Cartes de compassion“ – im interkulturellen Dialog „Räume des Friedens“ erschließen. Die Gottesfrage müsse sich, so Eckholt, wieder „lokalisieren“, einen konkreten „Sitz im Leben“ erhalten, indem Menschen durch ihren Friedensdienst Spuren Gottes in Nicht-Orte im Sinne Marc Augés (wie etwa dem Knotenpunkt Plaza de Constitución in Buenos Aires) eintragen und darin „Landkarten der Compassion“ zeichnen. Dabei gehe es weniger um das Schaffen konkreter Orte als vielmehr um ein solches Begehen der Räume, durch das sich an den Knotenpunkten der Compassion der Raum Gottes eröffne, in dem er entdeckt und darin Glauben „ermöglicht“ werden könne. Über das Raum-Paradigma und die Orientierung an die in unterschiedlichen Räumen sich vollziehenden Praktiken des Glaubens kann die Lehre von den loci theologici (Melchior Cano) auf eine neue Weise in Zeiten interkultureller Begegnungen erschlossen werden. Zweck der loci ist dabei nicht – so formulierte Eckholt in Anlehnung an Alex Stock – die Sicherung von Offenbarungsinhalten, sondern die Erweiterung von Horizonten des Glaubens. So machte dieser Vortrag plausibel, dass das Raum-Paradigma in globalen Zeiten und einer „Welt in Bewegung“ einen neuen Zugang zur theologischen Erkenntnislehre ermöglichen kann, dem interkulturellen Vollzug der Theologie in globalen Zeiten entsprechend.

Der Samstagnachmittag bot Zeiträume für diskursiven Austausch: zunächst innerhalb eines der fünf interkulturellen Workshops. So konnten mit Nina Frenzel (Bonn) Sakralräume erschlossen werden, während mit Dr. Michaela Bill-Mrziglod (Koblenz-Landau) und Prof. Dr. Gabriela Di Renzo (Buenos Aires) dem mystischen Verständnis der Seele als Gartenraum nachgegangen wurde. Um sichere (Frauen-)Räume in der Arbeit mit Migrantinnen ging es im Workshop von Doris Koehncke (Stuttgart). Und während bei Dr. Andrea Spans (Bonn) und Prof. Dr. Virginia R. Azcuy (Buenos Aires), am Beispiel der Gottesstadt Zion/Jerusalem als weiblich personifizierte Gestalt, der Raum im alttestamentlichen Text erschlossen wurde, brachte Prof. Dr. Diana Viñoles (Buenos Aires) Übergangsräume zwischen Leben und Tod ins Gespräch.
Diskursiv ging es anschließend in der AGENDA-Mitgliederversammlung weiter, wo die Zukunft des Vereins kritisch-konstruktiv in den Blick genommen, ausscheidende Vorstandsmitglieder verabschiedet und neue Akteurinnen gewählt wurden. Die feierliche Verabschiedung der Vereinsvorsitzenden Prof. Dr. Hildegard König fand nach der Wort-Gottes-Feier in einem Stehempfang mit Büffet ihren Ausdruck, wo Zeit und Raum war, sich für eine gute und lange Zusammenarbeit zu bedanken.
Ausklingen konnte der Abend nicht nur bei einem Glas Wein auf der Terrasse, sondern auch tanzend im umfunktionierten Tagungssaal. Diese Tanz-Räume wurden musikalisch durch DJane Cora Schäfer eröffnet und fanden großen Zuspruch.

Der Sonntagvormittag begann mit einem kirchenhistorischen Beitrag zum Raumdiskurs. Dr. Regina Heyder (Bonn) machte in ihrem Vortrag Heterotopie, heiliger Raum, Erinnerungsort aus kirchengeschichtlicher Perspektive deutlich, wie die Raumdebatte eine historische Untersuchung heiliger Räume erhellen kann. Am Beispiel der Kirche „Frauenfrieden“ in Frankfurt a.M. zeigte sie, wie ein konkreter Ort in seiner Funktion als Erinnerungsstätte insofern zur Heterotopie wird, als er in der Erinnerung der gefallenen Soldaten deren Sterbeorte an einem Ort vereint und so eine Gegenplatzierung mit gesellschaftlicher Wirkung vornimmt.
Die drei folgenden Vorträge standen hingegen im Zeichen der praktischen Theologie. Andrea Qualbrink (Münster) erörterte unter dem Titel Raum nehmen. Spielräume gestalten, durch welche Strategien Frauen sich in pastoralen Räumen behaupten können. Denn „die Räume für eine wirkungsvolle weibliche Präsenz in der Kirche müssen weiter werden“ (Papst Franziskus). Unter Bezugnahme auf ihre Vorrednerinnen entwickelte Qualbrink Strategien für Frauen zur Inanspruchnahme „großer Räume“, zur Eröffnung von „geschlossenen Räumen“ sowie zur Gestaltung von „Frei-Räumen“, liturgischen Räumen und „Spielräumen“.
Um die Eröffnung spiritueller Räume ging es bei Prof. Dr. Marcela Mazzini (Buenos Aires), die mit ihrer Replik Frauen, die dem Leben Herberge bieten einen berührenden Einblick in die Arbeit des Hospizes „San Camilo“, näherhin des Hauses der Hoffnung („casa de la esperanza“) gab. Wo nämlich durch Gesten der Wertschätzung, durch ganzheitliche Fürsorge und durch Ermöglichung von Versöhnung aus einem „Sterbehaus“ ein Raum des Lebens, des Friedens und der Hoffnung wird, geschieht gelebte Spiritualität (vgl. Elizabeth Lieberts). Diese Spiritualität wiederum – so Mazzini – kann Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden, um ihre Wirksamkeit auch in andere theologische Räume einzubringen.
Im Abschlussvortrag von Prof. Dr. Angela Kaupp (Koblenz-Landau) wurden die Überlegungen zum Raumdiskurs schließlich in eine religionspädagogisch motivierte „RaumBildung“ überführt. Dabei spielte nicht nur die etablierte Sakralraum- oder Kirchenpädagogik eine wichtige Rolle, auch Orte der Natur, Museen und Alltagsräume wie das Klassenzimmer oder das Wohnzimmer könnten – so Kaupp – religiös geprägte Orte sein oder eine religiöse Raumerfahrung ermöglichen. Konkret müsse „RaumBildung“ sich einerseits in einer Sensibilität für die bildende Kraft von Räumen und Atmosphären niederschlagen; andererseits könnten religiöse Räume und Atmosphäre aber auch gebildet werden – als konkrete Gestaltung von Orten (etwa eines Gebetsraums), als reale Atmosphäre (durch die Beziehung der anwesenden Personen) oder als imaginierte Atmosphäre (bspw. im Rollenspiel). Eine solche „RaumBildung“ erfordere bei Lehrenden und Lernenden die Ausbildung einer „Raumkompetenz“, die für die Wahrnehmung von Raum sensibilisiert, seine Reflexion ermöglicht und seine Gestaltung anregt.

Die Tagung endete, wie sie begonnen hatte: mit einer performativen Übung unter der Anleitung der Künstlerin Gabi Erne, die mit ihren Mitmachaktionen die gesamte Tagung künstlerisch vertiefend begleitete. Mit einem herzlichen und buchstäblich gemeinten „Auf Wiedersehen“ von Prof. Dr. Hildegard König endete das 12. Hohenheimer Theologinnen-Treffen, das mit inhaltlicher Multiperspektivität und methodischer Interdisziplinarität, mit starken Frauen und starken Thesen, mit einem durchweg konsequenten Tagungsdesign aber auch mit seinen Freiräumen für Vernetzung und Gespräch auf mehreren Ebenen überzeugen konnte.

 

Nathalie Dickscheid

Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Forschung und Lehre am Arbeitsbereich Religionspädagogik der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg.

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